„Mach Dein Hobby zum Beruf und Du musst nie wieder arbeiten!“

Dieses Zitat stammte wohl von Konfuzius. Und es passt auch noch zu unserer heutigen Zeit. Arbeit, in der man aufblüht, die einen glücklich macht und man es nicht als Mittel zum Lebensunterhalt verdienen sieht, ist ein Segen. Aber nicht jeder arbeitet in seinem Traumjob und zögert diesen einen neuen Weg einzuschlagen, um sein Glück zu finden. Frauenmagazine berichten gerne über Neustarterinnen, die jetzt ihre Berufung als Yogalehrerin, Schafzüchterin oder Cafébesitzerin gefunden haben. Aber was, wenn der Schuss nach hinten los geht?

Kerstin war eine der ersten, die mir gemailt haben, um von ihrem einschneidenen Erlebnis mit 40 zu berichten. Ich fand das Interview mit ihr sehr spannend, da ich zu wenig Einblicke in ihren Beruf  und viele Fragen hatte. Bei Babys werden alle Frauen schwach.

Schon mit 14 Jahren war Kerstin klar, dass sie Krankenschwester werden wollte. Erfolgreiche Ausbildung mit einem hervorragendem Examen und danach auf verschiedenen Abteilungen Erfahrungen gesammelt. Eine spannende Zeit: mit vielen Ärzten zusammen gearbeitet, Glück und Leid mit Angehörigen geteilt oder völlig fertig nach dem den achten Nachtdienst ins Bett gefallen. Der Job geht an die Nerven, den Körper und die Seele. Es kann sein, dass sie nach einer Woche Dienst, mit mehreren Notfällen, 2 kg abnimmt und bei einer Körpergröße von 1,53 cm und einem Gewicht von 42 kg geht das an die Substanz. Schwere Patienten aus dem Bett mobilisieren, lange Flure entlang laufen und immer den Versuch, den Patienten im Auge zu behalten, kostet Kraft. Die sie irgendwann nicht mehr hat und etwas Neues möchte. Kerstin liebt Kinder und ihr Traum ist es auf einer Frühchenstation zu arbeiten. Fachkräftemangel führen dazu, dass sie sehr schnell auf einer neonatologischen Station anfangen konnte. Nie mehr schwer heben, neue Herausforderung und auch die Aussicht auf mehr Geld an einer Uniklinik waren für Kerstin die wichtigsten Punkte, um ihr Glück zu wagen. Der Abschied von der alten Station war tränenreich. Man gewinnt seine Kollegen lieb und verbringt auch gerne mal die private Zeit miteinander. Aber jetzt lasse ich erstmal Kerstin berichten:

Die ersten Tage waren toll. Mir wurde die Station gezeigt und ich durfte bei der Versorgung von Frühchen helfen. Winzige, kleine Wesen, die wir aus dem Kreissaal abholten. Würmchen, die eingebettet im Inkubator lagen und intensiv betreut werden mussten. Teilweise beatmet. Manchmal nicht mehr als eine handvoll Leben. Meine Mentorin  war so unglaublich entspannt und erklärte mir die wichtigsten Dinge.

Nach einer Woche sollte ich dann selbst die Minibabys versorgen. Gleichzeitig. Drei!!! Intensivmedizinisch überwacht. Nach einem strengem Minutenplan: Füttern, wickeln, wiegen, messen und den Eltern den Verlauf erklären, die quasi 24 Stunden da sind. Herzalarm (Herzschlag zu hoch oder zu niedrig) im andern Bett. Sättigungsabfall (Sauerstoffgehalt im Blut) im anderen Bettchen. Bett Nummer drei erbricht die Muttermilch. Drei Probleme und man kann nicht sofort da sein. Zusätzlich der Arzt, der jede haarkleine Veränderung wissen will. Das war der erste Dienst, wo ich heulend nach Hause kam. Mit ordentlich Muffensausen fuhr ich am nächsten Tag wieder zur Arbeit. Auch dieser Dienst war eine Katastrophe. Meine Kolleginnen hatten keine Zeit mir Fragen zu beantworten und zeigten mir deutlich, dass ich sie nerve. Ein weiterer Abend voller Tränen. Ich hoffte, dass es mit der Zeit besser werden würde und ich einfach mehr lernen musste. Nach Dienstende paukte ich jeden Abend die Einstellungen für die Beatmungsgeräte. Lernte die Parameter auswendig und las in Fachbüchern. Mein Mann und unsere zwei Kinder mussten hinten anstehen. Sechs Wochen habe ich das durch gestanden. Mit Bauchschmerzen in die Klinik gefahren, eine frustrierende Schicht, mit tränenblinden Augen nach Hause gefahren und bis spät in die Nacht über den Büchern gehangen. Die Notbremse hat dann mein Mann gezogen. Kurz bevor ich zum Spätdienst aufbrechen wollte, rief er mich an und sagte mir, dass er mich auf der Station krank gemeldet hat, einen Krankenschein für die ganze Woche vom Hausarzt geholt hat und ich sofort kündigen soll. Eine tonnenschwere Last fiel von meinen Schultern. Mein Mann hatte recht. Meine Grenze war erreicht. Ich hatte fünf Kilo abgenommen. War nur noch Haut und Knochen. Ich hatte keine Energie mehr. Jede Bewegung war mir zuviel, mein Kopf ein Vakuum und mir fehlte so viel Schlaf. Als ich die Kündigung schrieb war ich einfach nur unheimlich erleichtern. Zum Glück nahm mich mein altes Krankenhaus sofort zurück und meine ehemaligen Kollegen freuten sich riesig, als ich meine Rückkehr verkündete. Was für ein tolles Gefühl. Ich bin trotzdem froh, dass ich diesen Schritt gegangen bin und diese Erfahrung gemacht habe. Jetzt weiß ich, dass ich nicht für eine Frühchenstation geeignet bin, aber ich muss mir nie vorwerfen, dass ich nicht versucht habe, meinen großen Traum wahr werden zu lassen.

Meine persönlichen Fragen an Kerstin:

1.Was meinst Du, warum es nicht in Deinem Traumjob funktioniert hat?

Antwort: Die Einarbeitungszeit war zu kurz. Und meine Kolleginnen haben nicht aktzeptiert, dass „nur“ eine Krankenschwester auch in der Kinderpflege arbeiten kann. Kinderkrankenschwestern hatten bis vor kurzem eine andere Ausbildung als die normale Krankenschwester. Und das ließen sie mich jeden Tag spüren. Zum Beispiel: die Kinderkrankenschwestern machten zusammen Pause und in der Zeit musste ich auch nach ihren Frühchen gucken. In meiner Pause war ich allein. Niemand wollte mit mir zusammen essen. Ich gehörte nicht dazu. Ich war das „Dummchen“.

2. Hast Du mit Deiner Vorgesetzen darüber gesprochen?

Anwort: Die Stationsleitung kam auf mich zu. Und berichtete, dass sich meine Kolleginnen über mich beschwert haben. Als ich ihr berichtete, dass meine Einarbeitungszeit nur aus einer Woche bestand und meine Mentorin schon nach einer Woche die volle Verantwortung von mir verlangt hat, war sie sprachlos. Sie versprach Besserung. Was aber nicht erfolgte.

3. Ist die Arbeit auf einer Frühchenstation nicht auch sehr emotional belastend?

Antwort: Es ist wunderschön zu sehen wie aus einem kleinen Würmchen ein gesundes Baby wird. Die Eltern sind so unglaublich dankbar. Und man freut sich über jeden Fortschritt. Leider gibt es auch Todesfälle, wo der Winzling es nicht schafft. Zum Glück ist kein Baby bei mir gestorben. Aber es tut schon sehr weh, wenn man bei der Übergabe von einer Schicht zur nächsten hört, dass ein Baby gestorben ist. Es wird sich sehr viel Mühe gegeben, den Eltern einen würdevollen Abschied zu geben.

4. Was hast Du daraus gelernt?

Man sieht sich immer zweimal im Leben. Zum Glück bin ich aus meiner alten Klinik friedlich gegangen. Und so konnte ich mit gutem Gewissen wieder zurück kehren. Zu wissen, dass ich dort geschätzt wurde und sie mich mit offenen Armen wieder empfangen haben, tat mir unheimlich gut. Jetzt weiß ich, wo ich hin gehöre.

Vielen Dank an Kerstin, für ihren ehrlichen Bericht. Du möchtest auch über Deine größte Veränderung schreiben? Dann freue ich mich auf eine Email: yoursecret.blog@web.de

 

2 Gedanken zu „Traumjob gefunden…Glück oder Alptraum?

  1. Huhu 😉

    Meinst du wirklich, das passt zum Thema „Hobby zum Beruf machen“?
    Hier geht es doch eigentlich nur um einen Wechsel der Station, oder? Meiner Meinung nach ist „Traumjob“ nicht gleichbedeutend mit „Hobby zum Beruf machen“ (= von etwas, mit dem man kein Geld verdient, es aber ohne Bezahlung aus Spaß macht, zu etwas, mit dem auf einmal Geld reinkommt).

    Schöne Grüße,
    Caro

    • Das Thema ist ja Traumjob und dass es auch mal nicht funktionieren kann.
      Ist es denn kein Hobby für andere Menschen da zu sein und sie ein Stück ihres Lebens zu begleiten? Ich kenne Frauen, die in Altersheime gehen und mit den Bewohnern basteln. Ein Kollege ist Fußballtrainer und Anspechpartnter für Jungs in einem sozial schwachen Viertel unserer Stadt. Meine Freundin gibt in ihrer Freizeit kostenlose Seminare für Eltern mit problematischen Pubertierenden. Anderen zu helfen kann auch ein Hobby sein.

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